Kennt Ihr Dwell?

30. Mai 2015

Ich bekenne mich zum unkontrollierten Konsum von Zeitschriften. Wohnzeitschriften. Eigentlich immer kaufe ich mir am Kiosk die Schöner Wohnen und die Architectural Digest (AD). Die AD ist zum Träumen da, die Schöner Wohnen zum Abgleich mit der Realität. Es ist höchste Zeit für ein Abo, aber dann müsste ich mir meine Zeitschriftensucht eingestehen und dafür bin ich noch nicht bereit.

Wenn ich auf Reisen bin – egal ob ich die Sprache beherrsche oder nicht – packe ich mir am ausländischen Kiosk-Pendant die Taschen voller Wohnzeitschriften. Vielen Dank auch an meine Freunde, die mich als Wohnzeitschriftenjunkie unterstützen, indem sie mir nach deren Urlaub die Mitbringsel als Form von Zeitschriften auf den Tisch schmeissen.  Ich finde es super zu sehen, wie denn so der Spanier oder der Franzose wohnt. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie global der moderne Stil doch ist. Es sind oft nur sehr feine Nuancen, die den gut eingerichteten Franzosen vom Deutschen abgrenzen.

Während unserer sechs-monatigen Tour durch Nordamerika habe ich mich selbstverständlich regelmäßig mit US-amerikanischen und kanadischen Wohnzeitschriften versorgt, zugegeben habe ich einmal komplett das Sortiment von sehr traditionell bis avantgardistisch durchgetestet und was soll ich sagen – bis auf die „dwell“ war ich enttäuscht. Die nordamerikanische Wohnzeitschriftenwelt ist ein wenig piefig langweilig. Selten sind die gezeigten Häuser lebendig und individuell. Entweder frönt man dem blau-weissen Hampton’s Style oder dem modernen New York Loft Style. Und in schöner Regelmäßigkeit ist die Szenerie von etwas zu klobigem Kolonialstil dominiert. Was mir besonders auffiel ist die Tatsache, dass viele der in den Zeitschriften gezeigten Häuser jeweils komplett von einem Innenarchitekten designed worden sind. Das ist dort durchaus die gängige Praxis und Innenarchitekten gelangen durch gelungene Projekte zu respektablen Ruhm, ABER die Individualität bleibt dabei auf der Strecke. Die Wandfarben passen zu den Böden passen zu den neuen Möbeln passen zu den Vorhängen etc, aber so lebt man doch nicht.

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Dwell zeigt Anderes. Das Magazin spricht sich ganz klar gegen den Perfektionismus der derzeitigen Wohnreportagen aus, und auch gegen die Schale mit grünen Äpfeln, die gerne bei Fotoproduktionen auf die leere Küchenzeile gestellt wird. Viele der gezeigten Objekte sind zudem eine wunderbare Hommage an die avantgardistischen, naturnahen Häuser (insbesondere Nord-) Kaliforniens (Big Sur und so!) aus den sechziger und siebziger Jahren. Als (trotzdem) bekennende Modernisten ist Dwell stark an Produktinnovationen mit Nutzen interessiert, zeigt aber wunderbare Wohnreportagen mit echten Leuten in echt bewohnten Häusern. Ein bisschen muss man bei Dwell die Eigenwerbung rausfiltern, denn mittlerweile ist das Magazin zu einem Designpowerhouse mit zahlreichen Designwettbewerben, Messen und Produkteigenproduktionen geworden, die natürlich nicht unerwähnt bleiben in den Heften. Selbstverständlich betreibt Dwell auch einen Dwell Online Store, der wirklich sehr schöne Sachen zu bieten hat. Der Fokus liegt nicht nur auf US-Produkten, obwohl diese schon besonders im Fokus stehen,  sondern auf modernen Möbeln, Lampen, Lifestyleprodukten & Accessoires aus aller Welt.

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Der Redaktion von Dwell sitzt in San Francisco, direkt um die Ecke meiner alten Wohnung im South of Market Viertel, die ehemalige Start-Up Hochburg der Stadt. Die Tech-Umgebung färbt schon ein wenig aufs Heft ab, aber auch sonst verleiht die Tatsache, dass Dwell in San Francisco sitzt, dem Heft eine gute Atmosphäre von Unabhängigkeit und Freigeist – aber mit Geld. Wie Ihr wahrscheinlich schon anhand der Fotos erkennen könnt, ist die Aufmachung des Heftes modern, etwas zurückhaltend und sleek. Umfang und Größe ist deutlich kleiner, als man es von den gängigen Magazinen gewohnt ist. Schaut mal rein.

Falls Ihr grad nicht am Bahnhof oder Flughafen auf die US-Version im Printformat aufmerksam werdet, dann gibt es das Heft auch als digitale Version.

Mehr Infos auf Dwell Online.

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