Powwow! Die Nez Perce tanzen.

27. Juli 2015

Gestern konnte ich einen weiteren Punkt von meiner Rocky Mountains Wunschliste streichen – dabei wollte ich gar nicht, dass er aufhört – der Powwow. Dieses traditionelle Treffen der Indianer ist so viel ergreifender, als ich es mir je vorgestellt habe, und hat mich echt zu Tränen gerührt.

Es war nur ein sehr kleines Powwow am Rande des „Chief Joseph Rodeo“ in Joseph, Oregon – ein kleines Dorf in den Bergen.
Chief Joseph führte seinen Stamm – die Nez Perce – 1877 durch eine über 1.900 km lange Flucht vor der US-Armee von Oregon in Richtung Kanada. Als er erkennen musste, dass die Nez Perce gegen die Überzahl der Besatzer machtlos waren, lenkte Chief Joseph ein und bemühte sich seitdem, sein Volk vor weiterem Schaden zu schützen.

ChiefJoseph

Wie man es aus den Winnetou-Filmen kennt, trägt auch Chief Joseph einen klangvollen, indianischen Namen: er lautet Hin-mah-too-yah-lat-kekt und bedeutet „Thunder Rolling Down a Mountain“.  Schon toll. Aber das nur am Rande. Wir hatten extra unsere Route verlegt, um sowohl an dem Powow als auch an dem abendlichen Rodeo in Joseph teilzunehmen. Vor lauter Cowboyhüten in den Strassen konnten wir den Ort des Powwow nicht finden, bis uns jemand zu den Indianerzelten an der Rodeo-Arena schickte – hätten wir eigentlich auch drauf kommen können, war mir aber zu chlichehaft.

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Der offene Pavillon war umringt von den Tipis und Pickups der Indianer. Auf der einen Seite versammelten sich mehrere Männer um jeweils eine Trommel (es gab vier solcher Trommelkreise) und begleiteten singend und trommelnd die Tänze. Ein akustischer Wohlklang war das leider nicht – eher etwas monoton und zwischendurch auch fast schon schmerzhaft für die Ohren und den Kopf. Dabei bin ich so aufgeschlossen für die Kategorie „Weltmusik“. Auf den anderen Seiten des Pavillons saßen Zuschauer und Teilnehmer, jeweils in ihren Campingstühlen. Circa 80% der Anwesenden waren Indianer, der Rest Weiße, wir wohl die einzigen Ausländer. Die Menge war absolut überschaubar, vielleicht 150 Leute. Im Vergleich zu den 3.000 Zuschauern des abendlichen Rodeos ein Witz.

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Das Powwow begann mit einigen Ritualen: die Tanzfläche wurde geweiht,  die US-Flagge gehisst und ein gemeinsames Gebet gesprochen. Die zwei offiziellen Prinzessinen und die Königin des diesjährigen Rodeos (vergleichbar mit der Weinkönigin aus Deutschland) waren Ehrengäste und standen etwas verloren mit den Ältesten im Kreis. Es wäre schon verwunderlich gewesen, wenn drei 16-jährige Highschool Mädchen in weißen Rodeooutfits mit 80er-Jahre Lockenpracht die Situation souverän gemeistert hätten. Beim ersten Tanz, den alle gemeinsam im Kreis tanzten, bemühten sich die Mädchen allerdings möglichst um eine authentische Schrittfolge; danach wurden sie entlassen und zeigten sich dann am Abend beim Rodeo von ihrer besseren Seite. Reiten können sie wirklich sehr gut.

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Getanzt wurde dann in Gruppen unterteilt nach Geschlecht und Alter. Den Anfang machten die ganz kleinen Kinder, was natürlich total niedlich war. Danach kamen die Schulkinder, Teenager, erwachsenen Frauen/Männer und die Gruppe „Frauen/Männer ab 50“. Tanzten die Frauen, begab sich die Stammesälteste (gefühlte 100) und hielt eine Art Taktstock mit einer Feder an der Spitze in die Luft und gab das Startsignal. Waren die Männer an der Reihe, dann vollzog der Stammesälteste – auch circa 120 Jahre alt – dieses Ritual.

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Am Ende einer jeden Tanzrunde reihten sich die Teilnehmer ordentlich auf und bekamen von Offiziellen ziemlich locker ein Bündel Dollar in die Hand gedrückt– egal mit welcher Inbrunst sie Ihren Tanz vorgeführt hatten, denn während manche sich verausgabten, liefen anderen einfach nur extrem gelangweilt im Kreis. Die Logik der Belohnung erschloss sich mir nicht so ganz. Anscheinend zählt nur die Teilnahme.

Ich mag es gar nicht zugeben, aber der Höhepunkt der Veranstaltung waren die Tänze der Männer.

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Wie in der Natur waren die Kostüme der Männer prachtvoll, bunt und extrem aufwendig. Der Tanz war ausdrucksstark und bisweilen auch ein wenig seltsam anmutend, denn die Männer imitierten Tiergeräusche, ich meine einen Coyoten erkannt zu haben.

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Trotz der Exotik für mich als Deutsche war ich zu Tränen gerührt. Meine emotionale Reaktion auf das Ganze war wohl eine Mischung aus Ehrfurcht vor dem Beiwohnen einer so alten Tradition und dem Wissen darum, dass solche Zusammenkünfte von Jahr zu Jahr weniger werden bzw. allmählich ganz aussterben. Die unschöne Geschichte der Eroberung des Kontinents ist bekannt. Das wusste ich schon mit vier Jahren, als mein Vater anfing, mir jeden John Wayne Film zu zeigen, der jemals gedreht wurde. Es ist ein bisschen so, als möchte ich jedem Indianer, dem ich begegne in den Arm nehmen und sagen: „Es tut mir so leid, dass Euch die Europäer Euer Land weggenommen haben“. Wohlmöglich eine naive Verklärung der historischen Tatsachen, aber es fühlt sich einfach falsch an, einem vernachlässigten Powwow beizuwohnen, während direkt hinter mir in der Rodeo-Arena mehr Menschen der Generalprobe des Rodeo zuschauen. Am Rande der Veranstaltung sprach mich ein älteres Pärchen aus Washington an. Genau wie ich seien sie zum ersten Mal bei einem Powwow dabei. Sie waren total begeistert, sprachen sogar davon, dass es das schönste sei, was sie jemals gesehen hätten und sie hätten ja keine Ahnung gehabt. Ich war überrascht.

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