Rodeo.

30. Juli 2015

Unsere Tage als Camper sind gezählt. Das ist auch ganz gut so, denn wir haben einen gewissen Zustand der Verwahrlosung erreicht. Als Kontrastprogramm zu den Rocky Mountains haben wir uns die Küste an der kanadischen Grenze ausgesucht. Hier versucht mein Mann dem totalen Chaos die Stirn zu bieten, während ich endlich über unseren Besuch beim Rodeo schreibe.

Der letzte Punkt auf meiner Liste: das Rodeo. Check! Es war echt wunderbar. Und total bekloppt. Als wir am letzten Tag der alljährlichen Chief Joseph Days (diese Jahr 70-jähriges Jubiläum!) in Joseph, Oregon, ankamen, quoll das Dorf in den Bergen über von Menschen in überdimensionierten Cowboyhüten mit Bootcutjeans, fetter Gürtelschnalle und bulligen Cowboystiefeln. Die meisten Männer, die zumindest nach dem Staubzustand ihrer Stiefel zu urteilen, Teil des Ganzen waren, hatten schon mittags ordentlich getankt. Würde ich wahrscheinlich auch tun, wenn ich mich am Abend auf ein bockendes Pferd schwingen, oder aus vollem Ritt auf ein Rind werfen müsste.

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Ein Rodeo ist offensichtlich eine Familienveranstaltung.  Auf den Rängen um uns herum versammelten sich meistens drei Generationen zu Bier und Burgern. Dresscode: Stiefel, Jeans, Karohemd und Hut. Der Menge wurde ordentlich mit Country und Rock eingeheizt, der Stadionsprecher in der Manier eines Boxkommentators tat sein Übriges. Die Hälfte der Witze war sexistisch. Auch logisch! Den Anfang der Show machten Stammesmitglieder der Nez Pierce Indianer. In voller Monteur, die Pferde geschmückt, ritten sie zum Soundtrack von „Der mit dem Wolf tanzt“ (Heul!) durch die Arena und winkten in die Runde. Höflicher Applaus, aber nicht viel Beachtung wurde ihnen entgegengebracht. Ganz anders dann, als die Cowgirls in einem rasenden Tempo mit Fahnen die Arena in Formation beritten. Mein Mann ist nachhaltig beeindruckt; von den Reitkünsten der Cowgirls natürlich. Als dann die USA Fahne hinzugeritten kam und dazu ein 16-jähriges Mädchen der lokalen Highschool die Hymne sang, brach fast schon Hysterie aus. Zwei Männer gesetzteren Alters direkt hinter mir heulten wie Schlosshunde. Bei der Zeile „For the land of the free, and the home of the brave“ tobten ALLE. Selbst als Beobachter war das ein sehr schöner Moment, und man kriegt echtes Heimweh nach Deutschland und wünscht sich den gemeinschaftlichen Ausdruck der tiefen Zuneigung für sein Heimatland auch. Denn das wirkt so authentisch und so innig und das verbindet die Leute sehr stark.

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Danach ging alles Schlag auf Schlag: Von links Cowboys auf bockenden Pferden, von rechts Cowboys, die Rinder einfingen, dazwischen immer der albernde Pausenclown im Schlagabtausch mit dem Kommentator aus dem Off, immer wieder Preisverleihung und wie in einer Dokusoap wurde jede Aktion mit passendem Sountrack untermalt. Fiel ein Cowboy vom Pferd, ertönte zum Beispiel „It’s raining men“. Die Menge wurde zwischendurch immer zum Mitsingen ermuntert. Die einzelnen Aktionen auf dem Pferd, mit dem Rind etc. dauerten immer nur wenige Sekunden und man hatte echte Mühe da noch mitzuhalten. Jetzt saß ich ja nur ein Mal auf einem Pferde (ich berichtete!) und ich kann die Kunstfertigkeit der Reiter wenig einschätzen, aber ich fand das wahrlich unglaublich. Die Attitüde ist total maskulin – das Testosteron kann man in Flaschen abfüllen (nein, ich stehe nicht auf Cowboys!), und wenn ein Cowboy in hohem Bogen von dem Pferde auf den Boden fällt, dann steht der Kerl einfach wieder auf und läuft total entspannt zum Ausgang. Eventuell hat er sich dabei zwei Rippen geprellt und das Rückrad gebrochen, aber er würde es NIE zeigen.

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Zwei Stunden Rodeo war genug für die Kinder. Mein 2-Jähriger hielt sich schon zu Beginn die Ohren zu, und meine Tochter überhäufte uns fortwährend mit Fragen wie:  Warum wird denn jetzt das „arme Kälbchen“ gefesselt oder „Warum wirft der Mann die Kuh um?“. Natürlich kann man darauf nicht antworten „Weil er das gerne macht“. Also haben wir es so und so versucht zu erklären – irgendwann wurde es dann aber auch unglaubwürdig. Und wir haben gesagt „Weil er es gerne macht.“

Es ist schwer ein Rodeo mit irgendetwas zu vergleichen, was wir in Deutschland kennen. Obwohl ich so lange in den USA gelebt habe, bin ich vorher NIE damit und der Rauchkultur in Berührung gekommen. Abseits der Küsten ist das total gelebter Alltag und am Anfang war das für uns alle noch ein wenig wie „Karneval“ und „Schau mal, ein Cowboy im Supermarkt, Kinder!“. Aber nach dem 20. Cowboy bei Starbucks zucken die Kinder auch nicht mehr. Das Rodeo hat noch einmal gezeigt, wie verankert das Ganze in der amerikanischen Kultur ist.

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1 Comment

  • Reply Micha 31. Juli 2015 at 11:28

    >>und man kriegt echtes Heimweh nach Deutschland und wünscht sich den gemeinschaftlichen Ausdruck der tiefen Zuneigung für sein Heimatland auch.
    Aber das hatten wir doch schon. Lief nicht gut. Für niemanden.
    Und Home of the free? Ganz ehrlich, wird Zeit das ihr wieder in die alte Welt kommt… 😉

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