IMM Cologne 2020 – Harmonie pur

Die Internationale Möbelmesse in Köln ist wie ein Kick-Off ins Einrichtungsjahr. Hier erfährt man, wo die Reise hingeht bezüglich Farben, Formen und Materialien, trifft Kollegen und Hersteller und lässt sich inspirieren. In diesem Jahr, also 2020, bin ich jedoch mit einem ganz anderen Blickwinkel über die Messe gelaufen. Ich wollte nicht unbedingt jeden Trend 2020 aufspüren, sondern wahrlich nur die Dinge beachten, die mir gefallen und die ich für die nächsten Projekte ins Auge fasse. Aber Trends lassen sich kaum ignorieren.

Wer des Öfteren auf Messen unterwegs ist, der weiß: so ein Messetag ist lang und voller Eindrücke. Am Anfang schreitet man noch voller Energie über die Stände, befasst sich intensiv mit den einzelnen Exponaten und freut sich über umfangreiche Erklärungen der Hersteller zu Design und Herstellungsweise. Aber so ab Stunde 4-5, meist nach dem Lunch verschwimmen die Eindrücke zu einem Einheitsbrei. Stoppen kann das Voranschreiten nur, was auch wirklich ins Auge sticht. Ein guter Test für die wirklichen Innovationen ist das. Im letzten Jahr, zum Beispiel, fiel mir auch noch am Ende des Tages ein halbrundes Sofa ins Auge. Gestern jedoch, hätte ich wahrscheinlich bei einem gradlinigen Sofa gestutzt.

Und so schlich sich bei mir auf der gestrigen IMM Cologne ein Gefühl ein. Ich spürte, wonach sich die Leute eigentlich sehen, was sie brauchen und was Ihnen die Möbelindustrie versucht zu geben. Es ist weniger ein Zukunftsszenario als die Befriedigung eines Bedürfnisses im Hier und Jetzt. Menschen sehnen sich zur Zeit (und schon eine Weile) nach Halt, Schutz, Geborgenheit und Wärme. Gemeinsames Erleben ist wichtig. Das Wesentliche zählt, und das ist die Familie, die Freunde, die wir in unser Zuhause, an unseren Esstisch und auf unser Sofa einladen. Die Möbelindustrie versucht dieses Bedürfnis zu befriedigen durch warme, wohlige Stoffe, über die man gerne mit der Hand streicht, die sich an den Körper schmiegen und angenehm auf der Haut sind und das sich Naturstoffe wie Wolle, Fell und Leder, aber auch Boucle und Baumwolle. Runde Formen schmeicheln sowohl der Hand als auch dem Auge. Wenn man in einem rundgelutschten Sessel sitzt, dessen Lehne einen zu umarmen scheint, dann fühlt man sich gehalten. Auch neutrale Nudetöne und beruhigendes Blau, gestern der farbige Faden durch die Messe, erzeugen Harmonie.

Gerade Menschen meiner Generation (40 und drüber) wird es wohlig ums Herz, wenn der breite Kordstoff der Kindheit plötzlich wieder auftaucht. Oder die grobe Keramik der 70er und das bunte Glas, dass an die Muranoaschenbecher aus Venedig erinnert, den Tante Ulli immer auf dem Couchtisch stehen hatte, wieder in Mode kommt. Referenzen an Vergangenes schafft auch hier Vertrautheit.

Es gab also auf der IMM 2020 wenig Überraschungen und viel gutes Gefühl. Ich zeige Euch mal was mir besonders gut gefallen hat.

Glas

Farbiges Glas mit verschiedenen Strukturen ist ein großes Thema. Muten viele Entwürfe eher traditional an, so ist der Tisch „Francis“ von Petite Friture mit technologischer Hilfe entstanden. Die Wasserfarben Effekte sind handgezeichnet, wurden dann eingescannt und digital bearbeitet bevor sie auf die Spiegelfläche aufdruckt wurden. Bei vielen Glasentwürfen ist auffällig, dass es absichtlich grob und unregelmäßig ist, Perfektion wird vermieden.

Lieblingsstände

Über diese zwei Stände habe ich mich dieses Jahr besonders gefreut: Pulpo und Kristina Dam Studio. Während Pulpo schon des Öfteren auf der Messe vertreten war, ist es eine Premiere für Kristina Dam Studio. Die Designerin aus Dänemark präsentiert Kleinmöbel, Accessoires, Tischwaren und Kunst in typisch skandinavischer Klarheit. Ich mag insbesondere die Minimal Bench. Im Vergleich dazu ist Pulpo extravagant. Die vielseitigen Entwürfe wurden dieses Jahr auf Auslegeware präsentiert, ein Trend, der sich durchaus bei vielen Ständen zeigte und vermuten lässt, dass Auslegeware auch im Zuhause 2020 wieder Einzug hält. Meine Pulpo Favoriten sind dieses Jahr eindeutig die Beistelltischserie chouchou und das Daybed pallet in rosa Kordstoff.

Ames

Ames ist immer ein Highlight für mich auf der Messe, aber ich bin auch ein wenig voreingenommen, da ich familiäre Verbindungen zu Kolumbien habe und die Gründerin der Marke, ana maría calderon kayser, aus Kolumbien stammt. Die Entwürfe zeigen traditionelles Handwerk, die Farben Kolumbiens und wirken doch absolut modern.

Das Haus

Jedes Jahr präsentiert ein ausgewählter Designer seinen Entwurf für Das Haus, eine Art futuristische, holistische Installation des Wohnens. In diesem Jahr zeigte das spanisches Designer Duo MUT einen Pavillon bei dem die Grenze zwischen innen und außen komplett verschwimmen.

Lieblingsstücke

In diesem Jahr haben es mir besonders die kleinen Accessoires und Dekogegenstände auf den Messeständen angetan. Das tut mir auch schon fast Leid für die Möbelhersteller, wenn ich anstatt über das tolle Ledersofa lieber über kleine Porzellanfiguren schreibe. Keramik, Porzellan und Steingut sind in diesem Jahr schwer angesagt, Messing und Marmor dagegen sind raus. De Sede, zum Beispiel, stylt seinen Stand mit den kleinen Porzellanfiguren der italienischen Künstlerin Marta Jorio. Ich bin verliebt. Und die weisse Vase von Ferm Living fand ich fast auf jedem Stand. Zum Schluß habe ich mir sogar einen Spaß daraus gemacht, diese Vase zu finden.

Cassina

Für Terrazzofans habe ich schlechte Neuigkeiten, denn der Liebling des letzten Jahres kommt in diesem Jahr kaum vor. Aber Muster sind dennoch nicht tabu. Besonders gesprenkelte Stoffe und Muster finden sich trotzdem, so wie bei diesem Tisch von Cassina (sehr schöner Stand), der in Kombi mit dem retro Holzstuhl super zusammenpasst. Leider finde ich, dass sowohl Stuhl als auch Tisch auf dem Foto nicht so toll rüberkommen, im wahren Leben sind sie viel schöner.

Aromas

Die Entwürfe der spanischen Marke Aromas del Campo findet ich sehr schön. Der Leuchter lässt sich konfigurieren und die runden Wandlampen kombiniert in verschiedenen Größen und Materialien kreieren fast schon ein Kunstbild.

Runde Tische

Alles ist rund: Tische, Sofas, Lampen, Stühle, einfach alles. Auf der IMM 2020 zeigten viele Hersteller gigantische runde Esstische mit drehbarer Innenscheibe, die das Teilen des Essens mit einer großen Gruppe von Freunden zum Vergnügen machen. Wie ich eingangs bereits schrieb, das Zusammenkommen mit anderen Menschen ist momentan ein Leitmotiv und harmonische, runde Möbel, die es möglich machen, dass man sich gegenseitig zuwendet, sind da ein Vehikel.

Textur

Das taktile Empfinden rückt auch weiterhin in den Vordergrund. Kalte, glatte Oberflächen berühren wir tagtäglich genug, daher machen uns momentan samtige, kuschelige und warme Texturen glücklich. Ethnoteppiche und Auslegeware finden sich zu unseren Füßen, Bouclestoffe, Fell und Kord auf unseren Stühlen und Sofas. Besonders gut gefallen haben mir die Stoffe von Evolution21 aus Belgien, aber leider durfte man auf diesem Stand (übrigens der einzige) nicht fotografieren, daher habe ich hier kein Foto für Euch von den tollen Stoffen. Übrigens ist Samt als Stoff nicht mehr so gefragt. Das war auf der IMM 2018 und teilweise auch 2019 noch anders, da konnte man sich vor Samt, erst in Petrol dann in Rosa und Koralle, kaum retten.

Trends kommen, Trends gehen, aber das Bedürfnis der Menschen nach Taktiken Erfahrungen bleibt. Vielleicht werden die Entwürfe in 2021 wieder zukunftsorientierter und futuristischer und damit vielleicht ein wenig optimistischer. Mir hat die IMM 2020 gefallen, ich fühlte mich wohl mit den Entwürfen und Stoffen, denn es war doch sehr harmonisch. Leider habe ich einige Hersteller wie Gubi, Muuto und &tradition vermisst, aber auch abseits der Messehallen kann man viele Hersteller, zum Beispiel in der Design Post und in den Passagen, finden. Fall Ihr Euch an den Publikumstagen am Wochenende auf die Messe begebt, kann ich Euch die Hallen 2, 3 & 11 empfehlen.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply