Designen wir nur noch für Instagram?

Seit kurzem kursiert es ein neues Wort in der Designszene: Instagrammability! Ein Kandidat für das Unwort des Jahres. Aber es sagt so viel über unsere Realität aus. Für Innenarchitekten und Kreative ist es Fluch und Segen zugleich.

„Instagrammability“ beschreibt, wie gut sich etwas für Instagram fotografieren lässt. Man kann es anwenden auf Szenerien (Santorini und die Amalfiküste sind „very instagrammable“), Cafes, Restaurants, Shops, Hotels und selbstverständlich auch aufs eigene Zuhause. Unwichtig, denkt Ihr? Eine Studie besagt, dass 40% der Millenials Ihr Urlaubsziel und Hotel danach aussuchen, wie gut sie dort Fotos für Ihren Instagram-Account machen können. Ein Großteil würde sogar auf ein besseres Hotelzimmer upgraden, wenn es mehr „instagrammable“ ist. Und ich zeige auch mit dem Finger auf mich, denn auch bei mir spielt das Interior Design des Hotels die entscheidende Rolle bei der Auswahl, auch schon Pre-Instagram. Selbstverständlich mache ich jetzt auch erst mal Fotos für meinen Instagramaccount, bevor ich das Hotelzimmer komplett verwüste.

Madelyn Markoe, Betreiberin des In-Restaurants Media Noche in San Francisco berichtet in einem Artikel für The Verge, dass der durchschnittliche Gast erst Mal zehn Minuten lang die Szenerie fotografiert, oft mit Stativ, bevor er seine Bestellung aufgibt. Das soll nicht als Beschwerde aufgefasst werden, denn schließlich war es immer der Masterplan von Markoe, Media Noche zu einem Instagram-Magnet zu machen.

„Instagammable“ Orte sind ganz einfach zu finden. Googelt man danach, fallen einem sofort hunderte Tipps vom Bildschirm ins Auge. Und die kann man dann schön auf seine „Bucketlist“ für den nächsten Trip setzen- eine gängige Praxis der Influencer. So solltet Ihr bei Eurem nächsten Besuch in London unbedingt beim Restaurant The Gallery at Sketch vorbeischauen. Die Innenarchitektin India Mahdavi and David Shrigley haben wirklich alles gegeben für ein schönes Fotomotiv. Ein Traum in Pink und Rosa.

Was macht einen Ort instagrammable?

Diese Frage stellen sich mittlerweile viele Innenarchitekten und besonders auch deren Kunden, die mit der Anforderung „unser Shop/Restaurant/Cafe muss auf jeden Fall „Instagrammable“ sein. Die australische Design Agentur Valé Architects hat jetzt einen „Instagram Design Guide“ auf den Markt gebracht, der Innenarchitekten helfen soll, auf die Anforderungen der Kunden die richtigen Antworten zu haben. Grob zusammengefasst steht die Instagram-Community auf folgende Dinge:

  • Ein Schild oder große Typografie
  • Gutes Tageslicht für das perfekte Foto
  • Eindrucksvolle Hängelampen
  • Neonschild
  • Ein Wandgemälde oder eine Wand in einer knalligen Farbe
  • Bodenfliesen

Falls Ihr zum Beispiel ein Café plant, dann könnt Ihr mit der obigen Kombination kaum was falsch machen. Leute lassen sich gerne vor außergewöhnlichen Hintergründen fotografieren, denn schließlich ist Instagram ein vertikales Medium – und dafür braucht man viel Wandfläche. Und wenn eine Prise Humor in Form eines witzigen Spruchs dazukommt, umso besser. Was auf Wänden funktioniert, funktioniert auch sehr gut auf dem Boden, ein weiteres Trendmotiv auf Instagram (siehe unten).

Aber ein gutes Foto bildet noch lange nicht die Realität ab. Sie fasst es nur in ein hübsches vertikales Rechteck. Ein Restaurant mag extrem gut auf einem Instagramfoto rüberkommen, aber wie fühlt sich der Stuhl an, auf dem ich Stunden verbringen werde? Wie ist die Atmosphäre? Wie ist das Licht? Wie ist die Akustik? Fühle ich mich wohl in dem Raum? Finde ich mich zurecht? Und am Wichtigsten: Schmeckt das Essen? Es gibt kaum ein anderes Medium momentan, das sich so gut eignet als PR-Mittel wie Instagram. Und sehr oft kostet es die Betreiber und Firmen auch nichts. Null. Daher wäre es fast fahrlässig, diese Kundengruppe zu vernachlässigen.

Copy-Cats oder die Demokratisierung von Design

Der endlos scheinende Fotofeed läuft am Auge vorbei wie ein schneller Filmabspann und das Auge sagt dem Gehirn nur noch sehr selten: „Stop! Das kenne ich noch nicht!“ Seien wir doch mal ehrlich, wer kann denn noch die vielen Motive unterscheiden? Und wer macht sich die Mühe zu schauen, wer das Foto nicht nur gepostet, sondern auch gemacht hat? Für Innenarchitekten wie für viele andere Kreativberufe sind Nachmacher, Fotoklau und Plagiate ein ernsthaftes Problem. Innenarchitekten wie Sarah Sherman Samuel teilen am laufenden Bande ihre Projekte mit ihren Followern. Hat sie keine Angst, dass man ihre Ideen klaut? Ein schmaler Grad: verrate ich nun meine Berufsgeheimnisse und Tipps und Tricks? Ich sehe das ganze lockerer. Sich ein paar Instagram Stories zum Thema Küchenrenovierung anzuschauen macht noch lange keinen Spezialisten aus dem Zuschauer. Aber es inspiriert, macht vielleicht Mut das Projekt nun endlich anzugehen und ist auch sehr unterhaltsam. Auch das soll es bei Instagram noch geben. Die pure, simple Unterhaltung! Oder auch charmant Hausporn genannt.

Die Demokratisierung von Design ist kaum aufzuhalten. Dauerte es früher noch Jahre bis Trends von professionellen Eliten langsam auf das Interior Fussvolk runtersickerte, so kann jetzt jeder Innenarchitektur-Anfänger und auch Laie sofort zeigen, was in ihm steckt. Wem das zugute kommt ist wohl klar. Aber nicht nur der Markt öffnet sich für alle Level der Professionalisierung – sondern auch der Markt an sich verändert sich durch Instagram. Trends dauern nun kaum mehr als einen Wimpernschlag. Diese Trendlawinen überfordern total. Wer kann denn da noch mithalten? Auf weißem Marmor folgt grüner Marmor folgt brauner Marmor. Und benutzt man jetzt Kupfer oder doch noch Messing, aber Edelstahl feiert auch ein grandioses Comeback! Jeden Trend mitzumachen bedeutet auch eine wahnsinnige Verschwendung von Ressourcen, Energie, Geld und Nerven. Der Gegentrend „Less is More“ verwundert da nicht. Ich vermute, dass dies die nächste große Welle auf Instagram wird. Reduziertes Leben, weniger Konsum. Sogar die Ace Hotel Group bringt mit ihrem neuen Konzept „Sister Hotel“ ein minimalistisches Hotel auf den Markt.

Instagram ist und bleibt der beste mediale Ort, um Trends zu beobachten und Trends zu beschleunigen. Daran kann man meiner Meinung nach nichts mehr ändern. Aber was vor einigen Jahren noch lustig und überraschend war, wirkt heute oft langweilig und abgeklatscht. Das lässt sich besonders im Interior Design von Hotels, Café und Restaurants beobachten. Wenn sich Innenarchitekten nur noch an der „instagrammability“ orientieren und sichere Trends kopieren, wird das Restaurant bald zum Event. Aber genau das mögen Millenials. Sie lieben das Erlebnis, das Besondere und die Individualisierung in allen Lebensbereichen.

Das Paradiso Ibiza Art Hotel. Ein Paradebeispiel der Instagrammabiliy, und bald auch hier auf dem Blog.

Legen wir die negativen Aspekte von „instagrammability“ mal beiseite, so bleibt doch die Motivationskraft von Instagram „gutes Design“ zu erschaffen. Denn was auf dem Foto gut rüberkommt ist selten der Service, oder das gute Preis-Leistungs-Verhältnis eines Hotels (darüber kann man sich ja dann in den Stories auslassen), sondern das Design. Instagram fördert also Innenarchitektur als positiven Faktor für Erfolg im Hotel- und Gastronomiegewerbe. Innenarchitektur wird heute dadurch viel stärker wahrgenommen und Innenarchitekten haben heute Instagramaccounts mit vielen Followern. Nur sollten Innenarchitekten nicht ihr vielschichtiges Design Konzept, das immer sehr viel mehr Aspekte als die Instagrammability beinhaltet, für den Bam! Effekt auf Instagram opfern. Auch ein zurückhaltendes Designkonzept hat durchaus seine instagrammable Momente, die wir als Instagramkonsumenten würdigen sollten.

Was ist Eure Meinung zur Instagrammability? Besucht Ihr gezielt Orte, die sich gut für Instagram festhalten lassen?

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