Nordamerika Road Trip Teil 3 – The East Coast Life

Das letzte Drittel unserer Reise verbringen wir an der Ostküste. Wie so viele fliegen auch wir von der Westküste der USA über die „Fly Over States“ und landen in Boston. Von nun an heisst es „Bye Bye Camper Life!“ und „Hello Hotel, Motel und Airbnb Unterkünfte“. Und wir verlieben uns spontan in Vermont. Oh, Vermont! Ein Staat aus dem Ben&Jerry’s kommt, kann nur wunderbar sein. Wusstet Ihr eigentlich, dass es einen Friedhof der Eiscremesorten gibt? Und dann gibt es noch die Frage: Was bleibt von sechs Monaten Road Trip?

East Coast

Wir fliegen von Seattle nach Boston und haben fast gar keinen Plan, wie der letzte Teil der Reise verlaufen soll. Gebucht haben wir nur eine kleine Hütte auf Martha’s Vineyard, denn diese Insel war schon lange ein Traumziel für mich. Ziemlich spontan hangeln wir uns von Ort zu Ort und vermeiden dabei New York City, weil mit zwei kleinen Kindern wollen wir uns dem Frust nicht hingeben, all die tollen Dinge nicht machen zu können. Außerdem empfanden wir eine Großstadt nach vielen Monaten in der Natur einfach nur zu laut und dreckig. Auf der Karte könnt Ihr sehen, wie chaotisch unsere Route zum Schluss wurde, weil wir nur noch spontan dort hin gefahren sind, wo unsere Herzen uns hingeführt haben. Folge Deinem Herzen, eine weise Entscheidung. Hier folgt nun der Originalauszug aus unserem Reiseblog:

Boston

Auszug aus unserem Reiseblog: Boston – Anfang Juni

Boston ist 24h Emgergency Room pur mit lauter Leuten in wahlweiser blauer und grüner Krankenhauskutte (was ist eigentlich der Unterschied?) und permanent heulen die Sirenen durch die Straßenschluchten.

Da sind wir nun an der Ostküste. Nach Seattle wieder eine große Stadt mit viel Wasser und doch so extrem anders. Boston ist natürlich älter. Hier hat man das erste Mal das Gefühl, die Geschichte der Stadt vom historischen Wert ernst nehmen zu können. Fast an jedem Haus und in jeder Straße hängt eine Plakette und erklärt dessen Historie. Es gibt fast nur Backsteinhäuser – die meisten davon beeindruckend schön – und kleine Gassen nach europäischem Vorbild.

Da es nun schon Anfang Juni ist, strömen bereits viele Touristen durch die Stadt. Downtown bzw. der Financial District (oder auch hier „Fidi“ genannte) ist zum größten Teil auch hier ein Haufen von Skyscrapern in deren Mitte sich – wie vergessen –kleine Gebäudeschätze wie alte Kirchen befinden.  Neben den „Emergency Room Statisten“ und Touristen läuft der Rest in amerikanischer Officeuniform rum: Nicht zu sexy – aber smart, für Frauen hohe Schuhe oder falls über 60 oder alleine unterwegs, dann weiße Socken und weiße Turnschuhe, die Highheels lässig in der Tasche. Die Männer oft schlecht sitzende Anzüge, sehr selten teure Schuhe.  Eigentlich sieht man hier nur Spießer, selbst in Harvard laufen nur Spießer rum, dann eher die internationalen Spießer. Dort haben wir aber hinter jedem Passanten ein verkapptes Superhirn vermutet.

Vermont: Love, Peace and Happiness

Nach so vielen Städten hintereinander brauchten wir dringend Entschleunigung auf dem Land. Und so sitzen wir nun in Vermont auf der Terrasse des absoluten Glücksgriffs auf Airbnb und wir sind doch tatsächlich die ersten Mieter. Neben mir fließt ein Bächlein durchs Grundstück, dessen Wasser fantastisch schmeckt und hinter dem Bach liegt der Teich, in dem „Jawky“ schwimmt – ein 20 Jahre alter, mutierter Supergoldfisch. Die Besitzer wohnen direkt nebenan. Sie sind so nett, bringen uns ständig Eier und Gemüse, und haben den Kindern sogar selbst genähte Anziehsachen geschenkt.

Wir hatten uns kein bisschen über Vermont informiert (irgendwann haben wir aufgehört Reiseführer zu lesen und zu planen) und so hatten wir überhaupt keine Idee davon, was uns erwartet. Keine Erwartung übertroffen.

Vermont hat wenig Einwohner (ca. 600.000) und keine richtig große Stadt. Vermont ist grün, bergig und manchmal regnerisch (wir haben 48 Std. am Stück Regen genossen) und einfach nur öko. Dagegen ist Prenzelberg wie Duisburg. Heute waren wir zum Beispiel auf dem „Brattleboro Farmers Market“. Hier gab es nur alles von „selbst“ – selbstgemacht, selbstgepflückt, selbstgekocht“ und alles ohne Plastik und ohne Pestizide und man konnte sich von kleinen Mädchen zeichnen lassen, von älteren Männern massieren lassen, im Okösandkasten spielen (kein Sand, sondern pure Erde).

Hier färbt man sich nicht die Haare (Go Grey!), hier schminkt man sich nicht, hier trägt man Birkenstock oder läuft Barfuss rum, hier trägt man T-Shirts mit „Frieden“ oder „Weltbürger“ Aufschrift. Hier wachsen die Haare und die Bärte bis zur Hüfte und man trägt eine Kopfbedeckung, die nicht einem Trend unterworfen ist. Überhaupt Trend: Trend ist böse. Hier laufen die Jungs alle mit langen Haaren rum, die Mädchen in selbstgenähten Kleidchen und selbstgestrickten Jäckchen, die Babys werden alle getragen und tragen keine Windeln (wie geht das?).  Hier ist es eh total egal was man trägt, Hauptsache es gefällt.

Hier hat es fünf Minuten gedauert und wir kamen ins Gespräch mit sehr netten Leuten. Zum Beispiel mit Olivier, einem Auswanderer aus Frankreich, der sich in eine Frau aus Vermont verliebt hat und jetzt auf dem Wochenmarkt Crêpes verkauft. Oder mit Andrew und Eloise (hardcore hardcore Ökos), beide über 60, gaben uns touristische Tipps und stellten uns ihre viermonatige, extrem niedliche Enkeltochter im Tragetuch vor, deren Mutter mit ihrer lesbischen Freundin auf dem Markt selbstgemachten Schmuck aus Naturstoffen (Silber) verkauft. Als sie mir jedoch einen Tipp geben sollten, wo ich am Montag die Fussball-WM sehen kann, waren alle Drei total überfragt.

Ben&Jerry’s Eisfabrik

Nach dem Farmers Market ging es zum „Petting Zoo“ Fazit:  ICH WILL EINE FARM! Dort gab es alles was klein, flauschig und niedlich ist. Und den größten Ochsen, den ich je in meinem Leben gesehen habe (Fotobeweis folgt). Ach, is dat schön hier in Vermont. Hier könnte ich auch bleiben. Ihr werdet anhand der Fotos sehen und verstehen!

PS: Wir haben hier seit 4 Tagen absolutes Bombenwetter – irgendwas zwischen 26° C und 28° C.

Martha’s Vineyard


Martha’s Vineyard Ja oder Nein?

Ja! Martha’s Vineyard, oder auch „The Vineyard“, ist wirklich ein wunderschöner Fleck Erde. Wahrscheinlich noch viel schöner, wenn man sich eins der bombastischen Residenzen mietet. Die Häuser, die wir sehen konnten, waren schon sehr beeindruckend. Ich vermute aber hinter den monströsen Toren und Mauern mit kilometerlangen Einfahrten noch viel atemberaubendere Häuser, also ist das Niveau auf MV (bitte, ich kann das nicht immer ausschreiben) extrem hoch. Ich vermute, wir haben in der einzigen „lustigen Hütte mit Charme“ übernachtet, die es auf MV zu mieten gibt. Aber ich fand sie wunderbar. Sie hat einen tollen Garten und liegt nur einige Schritte vom Meer entfernt. Man munkelt der direkte Nachbar sei David Letterman.

Eigentlich geht es dort zu, wie man es sich nach Halbwissen so vorstellt: Die Häuser und Zäune sind weißer als weiß. Die rosa Rosenhecken ranken sich ums Grundstück. Die Hemden sind gestreift, mit jedem Schuh könnte man sofort die Yacht betreten, die Baseballmütze sitzt, genau so wie die blonden Haare der Damen. Tommy Hilfiger lässt seine Kampagnen vermutlich aus dem Rosenbusch heraus fotografieren. Es ist preppy, aber trotzdem kann man sich dort entspannt erholen.

Antiquitäten und Lobster

Die Küste Maine’s ist ähnlich. Die Häuser schön, die Gärten schöner, die Dörfer niedlich. Der ideale Maineurlauber steht auf zwei Dinge: Antiquitäten und Lobster. Wir  stehen auf alte, komische Sachen, konnten mit den Kids jedoch niemals gemeinsam in einen Antiquitätenladen gehen (No Food, No Drinks, No Kids). Auf Lobster stehen wir leider nicht, was schade ist, denn wir hätten das erste und einzige Mal das Gefühl gehabt einen günstigen Fang gemacht zu haben.

Unseren Aufenthalt in einer Cabin in den White Mountains in Bethel, Maine, haben wir nach 5 Tagen wegen Langeweile (und das mit Kids) abgebrochen. Sommerurlaub im Skigebiet ist unnatürlich und deprimierend, wenn man die kahlen Pisten und stillen Lifte sieht. Es blieb uns nichts anderes übrig als unsere Tage im Phantasialand der USA – „Storyland“ – zu verbringen und gefühlte 500 Mal in einem Ring eine „Über“-Wasserrutsche  runterzurutschen. (Haben wir Euch eigentlich erzählt, dass wir in Kanada jemanden getroffen haben der die Wasserrutsche für Celine Dion gebaut hat?)

Danach war unser Gehirn weich und uns zog es dann spontan wieder nach Vermont. Vermont, my love. Vermont vermittelt so ein kuscheliges, gesundes und friedliches Gefühlt. Dort aßen wir viel Ben&Jerry’s in der tatsächlichen Eiscremefabrik, ich hab Yoga an einem Fluss gemacht und dann noch dieses Heissluftballonfestival. Nach so vielen positiven Gefühlen braucht man mal wieder einen richtig heftigen Streit. Den hatten wir dann auf unserer Fahrt Richtung New Hampshire, als wir verzweifelt eine Sportsbar gesucht haben, in der wir das WM Endspiel schauen konnten. Wir waren dann auch die Einzigen, die sich in der gefundenen Bar für Fussball interessiert haben. Die gigantischen Flatscreen wurden dann auch nicht für die Fussballübertragung freigegeben, stattdessen lief dort irgendein Baseballspiel und wir mussten in dem letzten Röhrenfernseher im Hinterzimmer das Endspiel schauen. Zum Glück konnten wir unseren Enthusiasmus per Chat mit Deutschland teilen.

Wir sitzen auf gepackten 20 Koffern (inkl. 1 Kühltasche, die wir tatsächlich aufgeben werden) und sind startklar. Auch die letzten 48 Stunden der Reise wollen wir nicht in einem seelenlosen Motel verbringen, sondern Thomas hat uns eine Hütte ganz nach seinem Geschmack rausgesucht. Es riecht ein wenig moderig und abends wird man von einer Insektenarmee überfallen, aber es hat Seele.

Dauerurlaub ist auch keine Lösung

Thomas und ich haben in den letzten Wochen oft zueinander gesagt, dass wir bereit sind, wieder nach Hause zu fahren. Nicht nur, weil wir Euch und Fogo und Waldfrieden so vermissen, sondern weil wir auch bereit sind, etwas Neues zu beginnen, weil die Kindern uns zwischendurch total an unsere psychischen Grenzen gebracht haben und weil Dauerurlaub auch keine Lösung ist, wenn man sich dabei nicht ausruhen kann.

Während unserer Autofahrten durch die Neuenglandstaaten, die meistens die ruhigsten Stunden für uns zwei sind, es sei denn die Kinder wollen ständig etwas trinken/essen oder Vica möchte uns mit den Weisheiten und Fragen einer 4-jährigen versorgen, resümieren Thomas und ich unsere Reise. Wo hat es Dir am besten gefallen? Wo könntest Du Dir vorstellen zu wohnen? Wo würdest Du als nächstes hinfahren, wenn Du noch zwei Wochen hättest? Welches Hotel/Haus/Campingplatz fandest Du am besten/schlimmsten? Wie hat sich Toni/Vica verändert? Fragen, die Ihr uns bestimmt auch bald stellen werdet. Auf die meisten Fragen werden unsere Antworten nicht eindeutig sein. Uns rauscht ein wenig der Kopf und meistens können wir uns nicht mehr daran erinnern, wo wir noch vor zwei Tagen waren.

Was von der Reise übrig blieb…

Die wichtigsten Erkenntnisse für uns beide sind allerdings die Folgenden:

  • Wir sind noch zusammen und haben uns nicht auf halber Strecke von der Klippe gestoßen.
  • Die USA sind wunderschön. Die Landschaften, die Weite, die Natur – all das werden wir vermissen.
  • Man kann 4 Monate im Camper überleben.
  • Home is where the heart is.
  • Thank God for the iPad.
  • Falls iPad versagt, hilft der gute alte Spielplatz wahre Wunder.
  • Alles ist unverschämt teuer hier.
  • Neuengland muss man unbedingt mal im Herbst sehen.
  • Für Vermont schlägt unser Herz.
  • Westküste ist wie Berlin, Ostküste wie München.
  • Es ist kein Problem 10 Gigabyte Internet-Traffic in 5 Tagen wegzuballern, wenn die Serie nur gut genug ist.
  • Amerika hat 14 Gerichte. 12 davon werden in der Fritteuse zubereitet.
  • Auch öffentliche Waschsalons lassen Wäsche in den Maschinen verschwinden.
  • Viele Amerikaner halten Frankfurt am Main für die Hauptstadt von Deutschland.

Liebe von uns sehnlichst vermissten Freunde und Familie: Das nächste Mal hören wir voneinander, wenn wir wieder in Deutschland sind.

Würden wir es noch einmal machen? Daran besteht kein Zweifel.

See you soon.

PS: Schön, dass so viele von Euch mitgereist sind …

Das letzte Foto von uns auf amerikanischem Grund bevor wir ins Flugzeug steigen zurück nach Deutschland.

Vielen Dank…

, dass auch Ihr mitgereist seid. Falls Ihr jedoch die ersten zwei Teile des Reiseberichts verpasst habt, so findet Ihr hier alle relevanten Links zu den anderen Reiseposts. Inzwischen sind einige Jahre vergangen und einige Road Trips dazugekommen. Es ist einerseits traurig zu wissen, dass es mit den Kids nie wieder eine so lange Reise geben wird (zumindest in den nächsten 16 Jahren nicht), aber wir sind unendlich dankbar für diese besondere Erfahrung, die uns alle vier doch sehr geprägt hat. Wir sind ein richtig gutes Team. Uns kann so schnell nichts aus der Bahn werfen. Zu behaupten, wir wären flexibel ist eine Untertreibung. Auch haben wir wieder eine besondere Beziehung zur Natur aufgebaut. Wer so lange durch die Wälder und Felder Nordamerika’s streift, der weiß die Schönheit der Natur zu schätzen. Es ist tatsächlich mehr in den Knochen hängen geblieben, als am Anfang vermutet.

Falls Ihr vielleicht auch überlegt, ob Ihr Euch so eine Reise zutraut, so kann ich Euch nur ermutigen, es zu tun. Es wird Euer Leben verändern.

LET’S GO!

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